Warum persönlicher Einsatz Entwicklung auch begrenzen kann
Es gab keinen konkreten Tag, an dem mir klar wurde, dass Engagement nicht reicht. Kein Ereignis, keinen Konflikt, keinen Bruch. Alles lief. Training fand statt, Spiele wurden organisiert, Kinder entwickelten sich, der Betrieb funktionierte.
Und genau das war der Punkt.
Je länger alles lief, desto deutlicher wurde mir, dass es nicht lief, weil es gut strukturiert war – sondern weil ich viel getragen habe. Engagement hielt den Betrieb am Laufen. Aber es begann, etwas anderes zu ersetzen: Struktur.
Engagement als Anfang – nicht als Fehler
Ohne Engagement entsteht kein Verein. Keine Abteilung. Kein Training. Gerade dort, wo jahrelang wenig passiert ist, ist persönlicher Einsatz der einzige Weg, überhaupt wieder etwas in Bewegung zu bringen. Auch bei uns war das so. Nachwuchsarbeit musste erst wieder aufgebaut werden, Angebote geschaffen, Vertrauen entstehen.
Engagement war der Anfang. Und es war notwendig.
Solange ich sehen konnte, dass Kinder dazukamen, dass Trainingsfortschritte sichtbar wurden, dass sich erste sportliche Erfolge einstellten, fühlte sich dieser Einsatz richtig an. Mehr Kinder, bessere Abläufe, erste Siege – all das ist kein Selbstzweck, sondern Rückmeldung. Es zeigt, dass Arbeit wirkt.
Wann Engagement kippt
Überlastung entsteht für mich nicht durch Engagement an sich. Im Gegenteil: Solange Einsatz auf Resonanz trifft, empfinde ich ihn als motivierend. Das Gefühl, gegen eine Wand zu laufen, entsteht dort, wo Engagement keine Wirkung entfaltet – wenn Übungen nicht umgesetzt werden, wenn Entwicklung stagniert oder Aufmerksamkeit fehlt.
Das ist kein Erschöpfungsproblem. Es ist ein Wirkungsproblem.
Und genau an dieser Stelle wird deutlich, dass persönlicher Einsatz allein nicht ausreicht. Denn je mehr alles an einer Person hängt, desto unsichtbarer wird Verantwortung. Andere helfen punktuell, aber tragen nichts. Der Betrieb funktioniert – aber er ist abhängig.
Der eigentliche Moment der Klarheit
Der entscheidende Gedanke war nicht: Ich kann nicht mehr.
Er war: Wenn ich ausfalle, fällt zu viel aus.
Nicht Training an einem Abend. Nicht ein Spiel. Sondern Strukturen. Abläufe. Orientierung.
Engagement hatte begonnen, Stabilität zu erzeugen – aber auch Abhängigkeit. Und Abhängigkeit ist kein Fundament für Entwicklung.
Struktur als Schutz, nicht als Misstrauen
Struktur wird im Ehrenamt oft als Kontrolle verstanden. Als Bürokratie. Als Einschränkung. Für mich hat sich der Blick darauf verändert. Struktur ersetzt Engagement nicht. Sie schützt es.
Struktur macht Verantwortung sichtbar. Sie macht sie teilbar. Und sie sorgt dafür, dass persönlicher Einsatz nicht dauerhaft kompensieren muss, was eigentlich gemeinsam getragen werden sollte.
Ein nüchternes Fazit
Engagement ist unverzichtbar. Ohne Engagement entsteht nichts. Aber Engagement darf kein Dauerersatz für Struktur werden. Wenn Entwicklung möglich sein soll – sportlich wie organisatorisch – muss Verantwortung teilbar werden. Und teilbar wird sie nicht durch noch mehr Einsatz, sondern durch Struktur.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Vereine sich entscheiden müssen: ob Engagement alles trägt – oder ob es endlich den Raum bekommt, den es verdient.
