Was passiert, wenn Ehrenamt keine Struktur hat

Warum Engagement allein nicht trägt

Ehrenamt ist in Vereinen allgegenwärtig. Es gibt Motivation, Einsatz, Verantwortungsgefühl. Viele Dinge funktionieren, oft über Jahre hinweg. Und trotzdem entsteht irgendwann das Gefühl, dass alles fragiler wird – nicht, weil sich niemand mehr engagieren will, sondern weil immer mehr an immer weniger hängt.

Diese Entwicklung ist kein Ausnahmefall. Sie ist eine logische Folge fehlender Struktur.

Engagement ist da – und trotzdem reicht es nicht

In meiner Abteilung mangelt es nicht an gutem Willen. Es gibt Menschen, die helfen, unterstützen, punktuell einspringen. Training findet statt, Spielbetrieb läuft, Veranstaltungen werden organisiert. Von außen wirkt das stabil.

Von innen fühlt es sich anders an.

Je länger der Betrieb läuft, desto klarer wird: Engagement allein trägt nicht dauerhaft. Nicht, weil Menschen versagen, sondern weil Verantwortung nicht klar verteilt ist.

Der Mythos vom funktionierenden Ehrenamt

Ehrenamt lebt von Flexibilität. Von Improvisation. Von der Haltung: „Wir kriegen das schon hin.“
Das funktioniert erstaunlich lange – vor allem dann, wenn einzelne Personen bereit sind, mehr zu übernehmen als eigentlich vorgesehen.

Das Problem ist nicht, dass dieses Modell kurzfristig funktioniert.
Das Problem ist, dass es keinen eingebauten Endpunkt hat.

Solange nichts geregelt ist, wird Verantwortung automatisch personalisiert.

Was ohne Struktur tatsächlich passiert

Fehlt Struktur, passiert nicht Chaos – sondern etwas Subtileres:

  • Aufgaben sind nicht klar benannt
  • Verantwortung ist nicht sichtbar
  • Entscheidungen laufen implizit über Einzelne
  • Vertretung ist nicht vorgesehen
  • Entlastung ist zufällig

Das führt dazu, dass vieles „irgendwie“ erledigt wird, aber niemand genau weiß, wer wofür zuständig ist. Verantwortung wird nicht geteilt, sondern übernommen – oft stillschweigend.

Je engagierter eine Person ist, desto stärker zieht sich Verantwortung zu ihr hin.

Meine Rolle – sachlich betrachtet

In meiner Abteilung bin ich derzeit der zentrale Knotenpunkt. Organisation, Training, Spielbetrieb, Jugendarbeit – vieles läuft über mich. Nicht, weil ich das so geplant habe, sondern weil es sich so entwickelt hat.

Diese Situation ist nicht außergewöhnlich. Sie ist typisch für kleine Abteilungen ohne klare Struktur. Sie funktioniert – aber sie ist abhängig. Und Abhängigkeit ist kein stabiles Fundament.

Warum Motivation keine Struktur ersetzt

Motivation ist wertvoll. Aber sie ist nicht konstant. Lebensphasen ändern sich, Zeit wird knapper, Prioritäten verschieben sich. Verantwortung bleibt.

Struktur sorgt nicht für Kontrolle.
Struktur sorgt für Entlastung.

Sie macht sichtbar, was getan werden muss, und verteilt Verantwortung so, dass sie tragbar bleibt. Ohne Struktur bleibt Ehrenamt personenbezogen – und damit verletzlich.

Die unbequeme Erkenntnis

Ehrenamt scheitert nicht an mangelnder Bereitschaft.
Es scheitert daran, dass Verantwortung nicht teilbar gemacht wird.

Was keine Struktur hat, wird personalisiert.
Und was personalisiert ist, überlastet – früher oder später.

Ein nüchternes Fazit

Ehrenamt ist unverzichtbar.
Aber es braucht einen Rahmen, der Menschen schützt – nicht ausnutzt.

Struktur ist kein bürokratischer Luxus.
Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Engagement dauerhaft möglich bleibt.

Ein Gedanke zum Schluss

Vielleicht ist die entscheidende Frage nicht,
wie viel Engagement ein Verein braucht –
sondern wie Verantwortung so strukturiert wird,
dass sie geteilt werden kann.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert