Eine bewusste Entscheidung im laufenden Betrieb
Es gibt einen Satz, der in vielen Vereinen irgendwann fällt:
„Wir müssen die Qualität steigern.“
Bei mir ist dieser Satz keine Rückschau.
Er beschreibt die Gegenwart.
Seit zwei Jahren arbeitet unsere Abteilung einmal pro Woche mit einem A-Lizenztrainer. Verlässlich, anspruchsvoll, konsequent. Die Qualität im Training ist sichtbar gestiegen – und sie ist kein Experiment mehr, sondern fester Bestandteil unseres Alltags. Gleichzeitig ist die Finanzierung dieser Qualität bis heute nicht dauerhaft gesichert. Das war von Anfang an so, und es ist mir bis heute bewusst. Trotzdem halte ich an dieser Entscheidung fest. Nicht aus Bequemlichkeit.
Nicht aus Idealismus.
Sondern aus Überzeugung.
Qualität ist bei uns keine Hoffnung, sondern Realität
Ich sehe Woche für Woche, was qualifiziertes Training bewirkt. Alle Jugendlichen im Training haben sich weiterentwickelt – technisch, spielerisch, im Verständnis für das Spiel. Diese Entwicklung ist nicht zufällig entstanden. Sie ist das Ergebnis von Struktur, Anspruch und Kontinuität. Genau deshalb ist sie für mich nicht verhandelbar.
Qualität ist in unserem Fall kein abstrakter Anspruch, den man sich auf ein Konzept schreibt. Sie zeigt sich im Training, in der Haltung der Kinder, in ihrem Selbstverständnis am Tisch. Und gerade weil sie so konkret ist, lässt sie sich nicht einfach wieder zurücknehmen, ohne etwas Wertvolles aufzugeben.
Die Finanzierung war nie sicher – und ist es bis heute nicht
Ich bin diesen Weg nicht gegangen, weil alles durchgerechnet oder langfristig abgesichert war. Mir war früh klar, dass sich die Finanzierung nur auf mehrere, fragile Bausteine stützen kann. Diese Bausteine tragen bis heute gemeinsam – aber keiner von ihnen allein. Konkret bedeutet das: Einnahmen aus Trainingsturnieren wie VR-Cups, Fördermittel aus einer Tischtennis-AG in Form von Spenden an den Verein, Trainingscamps in den Ferien mit Teilnehmergebühren, ein Anteil aus Vereins- und Abteilungsmitteln sowie punktuelle Unterstützung durch Sponsoren. Zusammengenommen ergibt das eine tragfähige Lösung auf Zeit. Dauerhaft sicher ist sie nicht.
Was auf dem Papier noch überschaubar aussieht, ist in der Praxis vor allem eines: aufwendig.
Die eigentliche Belastung liegt in der Organisation
Die größte Herausforderung ist nicht das Trainerhonorar. Es ist die Organisation rundherum. Jeder Finanzierungsbaustein bedeutet Planung, Abstimmung, Verantwortung. Turniere müssen organisiert, Camps vorbereitet, Förderungen koordiniert, Abrechnungen gemacht, Gespräche geführt werden.
Mit sechs Erwachsenen in der Abteilung und rund zwanzig Jugendlichen im Trainingsbetrieb ist diese Belastung strukturell ungleich verteilt. In der Praxis bin ich derzeit die zentrale Struktur der Abteilung. Ich halte Training, organisiere den Spielbetrieb, koordiniere die Jugendarbeit und treffe Entscheidungen, die eigentlich auf mehrere Schultern verteilt gehören. Punktuelle Unterstützung gibt es, aber sie ist nicht tragend.
Diese Konstellation ist nicht nachhaltig. Nicht, weil sie falsch wäre, sondern weil sie zeitlich begrenzt ist. Ein Verein kann auf Dauer nicht von einer Person getragen werden – unabhängig von Motivation oder Einsatz.
Die Überlastung ist real – und sie ist bewusst in Kauf genommen
Ich schreibe das ohne Dramatik: Die Überlastung ist kein Unfall. Sie ist eine bewusste Konsequenz meiner Entscheidung für Qualität. Ich nehme sie in Kauf.
Nicht aus Pflichtgefühl gegenüber dem Verein.
Nicht aus Vereinsromantik.
Sondern, weil ich will, dass meine Söhne – und die anderen Kinder – eine saubere, ernst gemeinte Ausbildung bekommen. Nicht improvisiert, nicht zufällig, nicht abhängig davon, wer gerade Zeit hat. Sondern verlässlich, strukturiert und auf einem Niveau, das Entwicklung ermöglicht.
Diese Haltung ist persönlich. Und sie ist gleichzeitig das, was die Situation problematisch macht.
Hoffnung ist da – aber sie ersetzt keine Struktur
Ich setze darauf, dass Jugendliche, die heute gut ausgebildet werden, älter werden, Verantwortung übernehmen und sich irgendwann einbringen. Diese Hoffnung ist realistisch. Aber sie ist keine Garantie. Jugendliche sind in Schule, Ausbildung und Studium eingebunden, zeitlich begrenzt verfügbar und nicht automatisch bereit, tragende Rollen zu übernehmen.
Hoffnung allein trägt keinen Verein. Sie braucht eine Übergangsstrategie – sonst wird Überlastung zur Regel.
Qualität überfordert Vereine nicht – sie entlarvt sie
Qualität ist nicht das Problem. Sie wirkt wie ein Verstärker. Sie zeigt, wie wenige Schultern Verantwortung tragen, wie fragil Finanzierung ist und wie schnell Ehrenamt an seine Grenzen kommt. Das ist unbequem, aber ehrlich.
Wer Qualität ernst meint, muss bereit sein, sich diesen Fragen zu stellen. Nicht euphorisch, sondern nüchtern.
Warum ich trotzdem weitermache
Ich werde den Trainer behalten. Nicht, weil es einfach ist, sondern weil es richtig ist. Gleichzeitig weiß ich, dass die aktuelle Situation nicht dauerhaft tragfähig ist. Veränderung ist notwendig – aber sie beginnt nicht mit weniger Qualität. Sie beginnt mit mehr Ehrlichkeit über Struktur, Verantwortung und Grenzen.
Ein nüchternes Fazit
Qualität ist kein Luxus. Sie ist eine Haltung. Wer sie lebt, muss ihre Folgen tragen – zumindest eine Zeit lang. Ich tue das bewusst. Nicht als Idealzustand, sondern als Übergang.
Warum ich das aufschreibe
Nicht, um Anerkennung zu bekommen.
Nicht, um Mitleid zu erzeugen.
Sondern um sichtbar zu machen, was Qualität im Vereinsalltag wirklich bedeutet.
Dieser Text ist kein Plädoyer für oder gegen Qualität –
sondern für Ehrlichkeit darüber, was sie auslöst.
