Ein strukturelles Missverständnis im Vereinsalltag
Es ist eine Beobachtung, die viele Vereine machen und die auch ich aus eigener Erfahrung kenne:
Die Kindergruppe wächst. Das Training ist gut besucht. Neue Kinder kommen dazu, bleiben, entwickeln sich. Gleichzeitig verändert sich bei den Erwachsenen kaum etwas. Trotz Qualität, trotz Engagement, trotz sichtbarer Entwicklung bleibt die Zahl der Erwachsenen konstant oder stagniert.
Diese Beobachtung wirkt auf den ersten Blick paradox. Sie ist es nicht.
Kinder wachsen über Angebote
Kinder kommen nicht wegen Strukturen in einen Verein. Sie kommen wegen Angeboten. Eltern suchen einen Ort, an dem ihre Kinder gut aufgehoben sind, sich bewegen, etwas lernen und Teil einer Gruppe werden können. Der Einstieg ist klar geregelt: feste Trainingszeiten, klare Ansprechpartner, geringe Erwartung an Eigenverantwortung.
Kinder müssen nichts erklären. Sie müssen nichts organisieren. Sie müssen nichts tragen.
Sie nehmen ein Angebot an – und genau dafür sind Vereine da.
Wenn das Angebot stimmt, wächst die Gruppe fast automatisch.
Erwachsene wachsen nicht über Angebote, sondern über Orientierung
Bei Erwachsenen funktioniert dieses Prinzip nicht. Erwachsene suchen kein reines Angebot. Sie suchen Orientierung, Zugehörigkeit und Klarheit. Oft unausgesprochen stellen sie sich Fragen wie:
Wo passe ich hier hinein?
Was wird von mir erwartet?
Wie viel Verantwortung trage ich?
Wer entscheidet?
Was passiert, wenn ich nur mittrainieren will – oder wenn ich mehr möchte?
Fehlt diese Orientierung, entsteht Unsicherheit. Und Unsicherheit führt selten zu Engagement. Auch dann nicht, wenn das Training gut ist.
Der Denkfehler: Qualität reicht aus
Viele Vereine – auch ich – hoffen zunächst, dass gute Qualität automatisch Erwachsene anzieht. Dass ein gutes Training, ein qualifizierter Trainer oder eine starke Kindergruppe ausreichen, um eine stabile Erwachsenenbasis aufzubauen.
In der Praxis passiert oft das Gegenteil. Hohe Qualität erhöht den Anspruch – und damit die Hemmschwelle. Erwachsene fragen sich, ob sie überhaupt hineinpassen, ob sie stören, ob sie den Erwartungen gerecht werden. Besonders dann, wenn sie sehen, dass viel Verantwortung sichtbar bei einer Person liegt.
Was eigentlich als Engagement gedacht ist, wirkt nach außen schnell wie Geschlossenheit.
Meine Rolle – nüchtern betrachtet
In meiner Abteilung bin ich sichtbar verantwortlich. Ich organisiere den Trainingsbetrieb, halte Training, koordiniere Spiele und Jugendarbeit und treffe viele Entscheidungen selbst. Das ist nicht aus Machtanspruch entstanden, sondern aus Notwendigkeit. Es hat sich so entwickelt.
Für Erwachsene, die neu dazukommen könnten, ist diese Situation jedoch schwer einzuordnen. Wo alles über eine Person läuft, stellt sich unweigerlich die Frage: Wo ist hier Platz für mich? Und welche Erwartungen kommen auf mich zu, wenn ich Teil davon werde?
Diese Fragen bleiben oft unbeantwortet – nicht, weil sie niemand beantworten will, sondern weil es keine klare Struktur gibt, die sie beantwortet.
Warum Qualität das Problem sogar verschärfen kann
Je höher die Qualität, desto größer der Respekt davor. Kinder lassen sich davon nicht abschrecken. Erwachsene schon. Qualität ohne Struktur wirkt nicht einladend, sondern exklusiv – auch wenn sie so nicht gemeint ist.
Das ist kein Versagen von Qualität. Es ist eine Folge fehlender Rahmung.
Die unbequeme Erkenntnis
Kinder brauchen Angebote. Erwachsene brauchen Zugehörigkeit. Zugehörigkeit entsteht nicht zufällig. Sie entsteht durch Klarheit, Rollen, Ansprechpartner und geteilte Verantwortung.
Solange Verantwortung sichtbar bei einer Person liegt, wird sie kaum geteilt werden. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Unsicherheit.
Ein nüchternes Fazit
Dass Kinder wachsen und Erwachsene nicht, ist kein Marketingproblem. Es ist kein Trainingsproblem. Es ist kein Motivationsproblem. Es ist ein Strukturproblem.
Solange Engagement alles trägt, bleibt es individuell.
Und was individuell getragen wird, lässt sich schwer teilen.
Ein Gedanke zum Schluss
Vielleicht ist das eigentliche Problem nicht, dass Erwachsene fehlen.
Vielleicht fehlt die Struktur, die Ehrenamt teilbar macht.
